Die Angst vor dem Wasser verlieren | Mobiler Schwimmcontainer „Narwali“ bietet beim TV Jahn ersten Kindern einen Schwimm-Frühstart
Münsterländische Volkszeitung

- 05.04.2024
Von Fabian Kronfeld
„Einfach schwimmen, schwimmen, schwimmen.“ Dieses Zitat des Paletten-Doktorfisches Dori aus dem Pixar-Film „Findet Nemo“ kennen sicherlich alle Kinder und die meisten Eltern. „Einfach schwimmen“ ist in Deutschland aber nicht mehr der Normalfall. Immer weniger Kinder können sicher schwimmen, die Zahl der Nichtschwimmer im Grundschulalter hat sich binnen fünf Jahren verdoppelt. Zu diesem Ergebnis kam eine repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) bereits 2023.
Bei diesem Problem will „Narwali“ Abhilfe schaffen. Wie der Namensgebende, rund eine Tonne schwere Narwal mit dem markanten Stoßzahn sieht die 12-Tonnen- Stahlkonstruktion im Container-Look allerdings nicht aus, die seit zwei Wochen auf einem LKW-Trailer aufgebockt und unübersehbar türkisblau beim TV Jahn an der Germanenallee steht.
„Narwali“ ist ein mobiler Schwimmcontainer. Mit diesem Modellprojekt im Rahmen der „Schwimmoffensive“ des Landes Nordrhein- Westfalen wird bzw. ist in jedem der fünf Regierungsbezirke einer dieser mobilen Schwimmcontainer finanziert worden. Für den Regierungsbezirk Münster ist der TV Jahn Träger, betreut den „Narwali“ technisch und organisatorisch – in Zusammenarbeit mit dem Kreissportbund Steinfurt. Anfang dieser Woche, nach aufwendiger Ausbalancierung von Trailer und Becken – mit und ohne Wasser – sowie Beckenfüllung erfolgte die Prüfung durch das Kreis-Gesundheitsamt. Bestanden. Der Betrieb konnte starten.
Nutzerinnen und Nutzer sind seit ein paar Tagen Kinder aus Kitas und Schulen, die (im Projekt kostenlos) früher ans Schwimmen herangeführt werden. „Wassergewöhnung“ lautet das Stichwort
der halbstündigen Kurse, aktuell sieben pro Tag. Heute sind Ella, Emelia, Ida, Matti (fünf bzw. sechs Jahre alt; Nichtschwimmer) im Wasser, begleitet von Erzieherin Cathrin Favetto aus der Kita Mobile.
Von draußen, aus halb geöffneten Fenstern, ist bereits das Lachen der Kids zu hören. Trotz der ungewöhnlichen Stätte herrscht drinnen Schwimmbadatmosphäre: Drückend feucht, warm, mit dem typischen Chlorgeruch. Rechts der Tür zwei Umkleidekabinen und eine Toilette, links eine freie Dusche, hinter der hohen Wand neben der Treppe versteckt sich die professionelle Pool-Technik – der geringe Platz ist genau aufeinander abgestimmt, dennoch ist einiges an Aufwand und Gewusel nötig für maximal sechs Kurs-Kinder.
Sechs Stufen läuft man hoch, Richtung acht mal drei Meter Becken, das den restlichen Raum einnimmt im 14 Meter langen Container. Bevor es wieder runtergeht, in das 23 000 Liter Wasser umfassende Becken, kann man oben als Erwachsener nur noch hocken. Über dem Wasser ist die Luftfeuchtigkeit sichtbar: Nebel.
Im Wasser, angeleitet von den Schulschwimmlehrerinnen Brigitte Podszun und Julia Ribbers, planschen und lachen Ella, Emelia, Ida, Matti mit Schwimmnudeln, tauchen später erfolgreich und deshalb stolz nach Ringen im für Erwachsene hüfthohen Wasser. Mit Übungen bringen die Frauen ihnen Schwimmbewegungen bei, gewöhnen sie aber vor allem an die Eigenarten des Wassers. „Der ‚Narwali‘ hat nicht direkt das Ziel, dass Kinder
hier Schwimmen lernen, sondern, dass sie sich ans Wasser gewöhnen, die Angst davor verlieren“, erklärt Wolfgang Brüning, Technischer Leiter des Projekts beim TV Jahn. „Viele Kinder in der Grundschule sind es überhaupt nicht mehr gewohnt, ins Wasser zu gehen, merken gar nicht, dass sie das Wasser trägt.“ Der mobile Schwimmcontainer sei dafür eine tolle Gelegenheit, da es zu wenig Wasserflächen gebe. „Und Zeiten in Schwimmbädern sind schnell ausgebucht.“ Ziel von „Narwali“ ist es, erklärt Brüning, „dass die es später im Schwimmunterricht oder -kurs dann vielleicht einfacher haben.“ Cathrin Favetto zeigt sich wie ihre Kita-Kinder begeistert, dass sie „in geschütztem Rahmen mit dem Wasser vertrauter werden.“ Und Schwimmlehrerin Brigitte Podszun weiß: „Wenn man ein großes Schwimmbad gewohnt ist, ist es noch etwas ungewohnt und eng, aber bisher läuft es trotz ein paar Kinderkrankheiten sehr gut.“ Die bessern Wolfgang Brüning und der TV Jahn nun aus. „Wir sammeln gerade einige Erfahrungswerte“, meint Brüning schmunzelnd. „Narwali“ ist eben ein Erstlingswerk – das aber funktioniert.
Der Schwimmcontainer wird nicht dauerhaft auf dem Parkplatz vor dem TV Jahn- Gebäude, nicht bloß für Kinder an Rheiner Schulen und Kitas zur Verfügung stehen. Er wandert alle vier bis sechs Wochen an einen anderen Ort im Regierungsbezirk, wird dort für die Wassergewöhnung von Schul- und Kita- Kindern aufgestellt. Nächster Halt: Warendorf. Wohl erst in anderthalb bis zwei Jahren wird „Narwali“ zurückkehren – und bis dahin wohl viele Kinder für das Wasser begeistert haben.




